Enheduanna Ur Exil
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Enheduanna – Die Prostituierte oder Priesterin, die im Exil ihre Stimme fand

Waren sumerische Priesterinnen Prostituierte?

Wer sich mit den Priesterinnen des alten Mesopotamien beschäftigt, begegnet fast zwangsläufig dem Ausdruck „heilige Prostitution“. Lange wurden unterschiedliche weibliche Tempelämter pauschal mit Sexualität oder Prostitution verbunden. Gründe dafür waren unsichere Übersetzungen sumerischer und akkadischer Amtsbezeichnungen sowie spätere Vorstellungen, die auf viel ältere Kulturen übertragen wurden.

Für eine institutionalisierte „Tempelprostitution“, bei der Priesterinnen regelmäßig gegen Bezahlung sexuelle Dienste verrichteten, gibt es jedoch keine eindeutigen Belege. Sexualität, Fruchtbarkeit und symbolische Vereinigungsrituale spielten in der mesopotamischen Religion durchaus eine Rolle. Daraus folgt aber nicht, dass Tempelbedienstete Prostituierte im heutigen Sinne waren.

Auf Enheduanna trifft diese Bezeichnung erst recht nicht zu. Als EN-Priesterin war sie die höchste religiöse Repräsentantin des Mondgottes Nanna in Ur. Ihr Amt besaß zugleich politische und wirtschaftliche Bedeutung. Sie stand nicht am Rand der damaligen Ordnung, sondern in deren Zentrum.

Wer war Enheduanna?

Enheduanna lebte im 23. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Sie war eine Tochter Sargons von Akkad, des Begründers des akkadischen Großreiches. Er setzte sie in Ur als Hohepriesterin des Mondgottes Nanna ein.

Diese Ernennung war auch politisch. Die Städte Südmesopotamiens besaßen eigene Götter, Tempel und Traditionen. Als Angehörige des akkadischen Herrscherhauses und höchste Priesterin eines bedeutenden sumerischen Kultes verband Enheduanna die Macht Akkads mit der religiösen Tradition Sumers.

Sie gilt häufig als die erste namentlich bekannte Autorin der Weltgeschichte. Diese Bezeichnung braucht jedoch eine Einschränkung: Ihre Werke sind überwiegend in Abschriften erhalten, die mehrere Jahrhunderte später entstanden. Deshalb wird weiterhin diskutiert, welche Texte tatsächlich von ihr stammen und wie stark sie später bearbeitet wurden.

Dennoch erscheint in den ihr zugeschriebenen Dichtungen erstmals eine Autorin, die ihren Namen nennt, über ihr eigenes Schicksal spricht und politische Niederlage, religiöse Erfahrung und dichterische Schöpfung verbindet.

Warum wurde sie vertrieben?

Enheduannas Vertreibung stand wahrscheinlich im Zusammenhang mit einem Aufstand gegen die akkadische Herrschaft. Ein Mann namens Lugal-Ane übernahm in Ur die Macht und stellte sich gegen die bestehende Ordnung.

Enheduanna war für ihn nicht nur eine Priesterin. Sie verkörperte zugleich die religiöse Legitimität der Dynastie Sargons. Vermutlich verweigerte sie Lugal-Ane jene Anerkennung, die seine neue Machtstellung hätte rechtfertigen können.

Eine unabhängige Chronik dieser Ereignisse besitzen wir nicht. Die wichtigsten Angaben stammen aus dem Enheduanna zugeschriebenen Gedicht Nin-me-šara, der Erhöhung Inannas. Darin berichtet die Sprecherin, Lugal-Ane habe sie aus dem Tempel vertrieben, ihr die Zeichen ihres Amtes genommen und sie durch ein von Aufruhr beherrschtes Land gehen lassen.

Ob jedes Detail wörtlich-biografisch zu verstehen ist, bleibt offen. Der politische Kern ist jedoch deutlich: Mit Enheduannas Vertreibung sollte auch die religiöse Autorität des akkadischen Herrscherhauses gebrochen werden.

Was tat Enheduanna im Exil?

In ihrer Not wandte sich Enheduanna zunächst an Nanna, den Gott, dessen Hohepriesterin sie war. Doch Nanna antwortete nicht. Daraufhin richtete sie ihre Bitte an Inanna, die Göttin der Macht, des Krieges und der Liebe. Sie schilderte ihre Vertreibung und pries zugleich Inannas Kraft, gegen Lugal-Ane einzugreifen.

So verwandelte sie persönliche Ohnmacht in Sprache. Sie verfügte über kein Heer und keine politische Macht mehr. Was ihr blieb, war ihre Stimme.

Nin-me-šara ist deshalb mehr als ein religiöser Hymnus. Das Gedicht verbindet Klage, Gebet, politische Anklage und Selbstaussage. Enheduanna berichtet nicht nur über das Geschehene; sie formt ihre Erfahrung zu Literatur.

Nach der Niederschlagung des Aufstands dürfte sie wieder in ihr Amt eingesetzt worden sein. Das Ende des Gedichts beschreibt die Besänftigung Inannas und die Wiederherstellung der Ordnung. Eine lückenlose unabhängige Bestätigung ihrer Rückkehr besitzen wir allerdings nicht.

Eine Stimme, die das Exil überdauerte

Enheduannas Bedeutung liegt nicht allein darin, möglicherweise die erste namentlich bekannte Autorin zu sein. In ihrem Werk wird ein Mensch sichtbar, der sein eigenes Erleben als Teil der Geschichte begreift.

Die Vertreibung nahm ihr Amt, Sicherheit und politische Macht. Doch gerade daraus entstand eine Stimme, die mehr als vier Jahrtausende überdauerte.

Aus Nin-me-šara, Zeilen 138–140

Mein Herz war voll, übervoll –
Herrin, Königin,
für dich gebar ich dieses Lied.
Was ich dir nachts sang,
soll mittags wiederklingen.

Keilschrifttafel YBC 7167 mit den Zeilen 102–153 aus Nin-me-šara
YBC 7167 – Altbabylonische Abschrift von Nin-me-šara, ca. 1750 v. Chr.; enthält die Zeilen 102–153. Foto: Klaus Wagensonner, Yale Babylonian Collection.

Kurze deutsche Arbeitsübersetzung nach dem sumerischen Komposittext, unter Vergleich der Übersetzungen des Electronic Text Corpus of Sumerian Literature und der kommentierten Übersetzung von Sophus Helle.

Die Verse beschreiben das Gedicht als etwas, das aus überwältigendem Schmerz „geboren“ wurde. Die Handschriften erlauben an dieser Stelle auch die Bedeutungen „sprechen“, „erschaffen“ oder „freigeben“. Gerade diese Mehrdeutigkeit macht den Schluss so eindringlich.

Quellenhinweise

Electronic Text Corpus of Sumerian Literature: The Exaltation of Inana
Sophus Helle: The Exaltation of Inana – Annotated Translation
The Morgan Library & Museum: Enheduanna and Women of Mesopotamia

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