Geld und Medaille
Der unsichtbare Preis einer Medaille
215.000 Km / € 200.000.–
Wenn ein Sportler auf dem Podium steht, sieht man die Medaille, die Nationalmannschaft, vielleicht ein paar Minuten im Fernsehen und am Ende ein Ergebnis in einer Tabelle. Was man kaum sieht, sind die Jahre davor – und vor allem die Familie, die diesen Weg oft überhaupt erst möglich gemacht hat.
Ich kenne diese Seite des Sports nicht aus Statistiken, sondern als Vater.
Meine beiden Söhne haben über viele Jahre Leistungssport betrieben. Fast das ganze Jahr hindurch wurde an sechs Tagen pro Woche trainiert, zeitweise zweimal täglich. Dazu kamen Trainingslager und Wettkämpfe in verschiedenen Teilen der Türkei. Die Kinder reisten mit ihren Mannschaften per Bus oder Flugzeug, doch nahezu alle damit verbundenen Kosten mussten von den Eltern getragen werden.
Allein der tägliche Weg zum Training wurde über Jahre zu einer eigenen Größenordnung. Später übernahm mein älterer Sohn diese Wege selbst. In seinen letzten Jahren in Istanbul fuhr er beispielsweise täglich ungefähr 100 Kilometer zwischen Maltepe und Ataköy, häufig durch den Eurasien-Tunnel. Hinzu kamen mehrere Jahre in Italien, regelmäßige Reisen zwischen Italien und der Türkei sowie Fahrten zu Wettkämpfen innerhalb Italiens.
Über seine gesamte sportliche Laufbahn gerechnet ergibt sich daraus eine Größenordnung von mehr als 215.000 Kilometern, die unmittelbar mit Training und Sport verbunden waren.
Doch Kilometer sind nur der sichtbarste Teil.
Vereins- und Trainingskosten, Wettkampfgebühren, Trainingslager, Ausrüstung, spezielle Flossen, Badebekleidung, Ernährung, medizinische Betreuung, Reisen und Unterkünfte summieren sich über viele Jahre zu erheblichen Beträgen. Für zwei Kinder und rund zwölf Jahre Leistungssport kommt man in unserem Fall, einschließlich der Jahre meines Sohnes in Italien, bei einer vorsichtigen rückblickenden Schätzung auf eine familiäre Belastung in der Größenordnung von etwa 200.000 Euro.
Dabei ist eines noch gar nicht eingerechnet: die Zeit der Eltern.
Die Fahrten am frühen Morgen und am späten Abend. Die Wochenenden bei Wettkämpfen. Urlaube, die sich nach Trainingsplänen richten. Berufliche Termine, die verschoben werden. Die Organisation von Schule, Sport und Reisen. Und nicht zuletzt die ständige Frage, wie lange man diesen Weg finanziell noch tragen kann.
Wenn Erfolg die Kosten nicht reduziert
Eigentlich könnte man glauben, dass mit zunehmendem sportlichem Erfolg auch die finanzielle Belastung einer Familie abnimmt.
Bei vielen nichtolympischen Sportarten passiert jedoch genau das Gegenteil.
Je erfolgreicher ein Sportler wird, desto mehr Trainingslager, internationale Wettkämpfe, Reisen und professionelle Betreuung werden notwendig. Gleichzeitig bleiben Sponsoren und institutionelle Förderungen häufig begrenzt.
Ein Weltmeistertitel bedeutet deshalb nicht automatisch, dass ein Sportler von seinem Sport leben kann.
Gerade in Sportarten mit geringer medialer Präsenz zählt für Sponsoren nicht allein die sportliche Leistung, sondern vor allem Sichtbarkeit: Fernsehen, Zuschauerzahlen, Reichweite und Social Media. Ein Weltmeister in einer kleinen Sportart kann deshalb wirtschaftlich wesentlich schlechter dastehen als ein deutlich weniger erfolgreicher Sportler in einer populären Disziplin.
In solchen Fällen wird die Familie zum ersten, längsten und zuverlässigsten Sponsor.
Die Türkei ist dabei kein Sonderfall
Die hier genannten Zahlen stammen überwiegend aus unseren Jahren in der Türkei. Natürlich unterscheiden sich Preise, Vereinsstrukturen und Fördersysteme von Land zu Land.
Doch das grundsätzliche Problem ist auch in Österreich nicht völlig anders.
Auch hier müssen Familien in vielen Sportarten Fahrten zu Training und Wettkämpfen, Ausrüstung, Vereinskosten, Trainingslager und zusätzliche Betreuung zumindest teilweise selbst finanzieren. Besonders schwierig wird es bei Disziplinen außerhalb des olympischen und medial stark beachteten Sports.
Österreich verfügt zwar über bessere institutionelle Strukturen und verschiedene Formen der Sportförderung. Aber auch hier bedeutet Talent allein noch lange nicht, dass eine sportliche Laufbahn finanziell abgesichert ist.
Am Ende steht in vielen Familien dieselbe Frage:
Wie lange können – und wollen – wir das noch tragen?
Hinter einer Medaille steht selten nur ein Mensch
Natürlich gehört eine Medaille dem Sportler.
Er hat trainiert. Er hat verzichtet. Er hat Schmerzen ausgehalten, Niederlagen verarbeitet und am Ende die Leistung gebracht.
Aber der Weg bis zu dieser Medaille ist selten eine Einzelleistung.
Hinter einem erfolgreichen jungen Sportler stehen Trainer, Vereine und Verbände – und sehr häufig Eltern, die über viele Jahre Zeit, Geld und einen erheblichen Teil ihres eigenen Lebens investieren.
Deshalb sehe ich heute eine Medaille etwas anders als früher.
Ich sehe nicht nur einen Platz auf dem Podium.
Ich sehe Trainingshallen am frühen Morgen, Autobahnen in der Nacht, Flughäfen, Hotels, Trainingslager – und in unserem Fall mehr als 215.000 Kilometer Weg, bevor aus einem sportbegeisterten Kind ein international erfolgreicher Sportler werden konnte.
Und vielleicht ist genau das die Seite des Leistungssports, über die viel zu selten gesprochen wird.