Sind die Österreicher allein?
Es gibt Bevölkerungsgruppen, die sich nicht von dem soziokulturell bedingten Kleinfamilien-Syndrom lösen können, sich deshalb selbst innerhalb der Gesellschaft zur Einsamkeit verurteilt haben und seit Corona tatsächlich allein leben.
Ist es wirklich so?
Auch wenn wir das Thema meines Erachtens mit gutem Grund verallgemeinern können, gibt es selbstverständlich zahlreiche Ausnahmen. So etwa im Lungau oder im Pinzgau oder irgendwo auf dem Land, wo viele Nachbarn gemeinsam zur Schule oder in den Kindergarten gegangen sind. Als Teenager haben sie dann vieles gemeinsam unternommen und zahlreiche Abenteuer miteinander erlebt. Dank solcher tief verwurzelten zwischenmenschlichen Beziehungen können dort wesentlich mehr Menschen zusammenkommen. Im Gesamtbild fällt dies leider dennoch kaum ins Gewicht. Wie die Lage in den Großstädten aussieht, überlasse ich Ihrem Vorstellungsvermögen.
In Regionen mit etwa 20.000 Einwohnern wie dem Lungau, in dem ich lebe – wobei die Situation in den Dörfern meiner persönlichen Erfahrung nach noch schlimmer ist –, haben die Menschen nicht nur aufgehört, einander zum Essen einzuladen; inzwischen laden selbst die Frauen einander tagsüber nicht einmal (oder sehr selten) mehr zu einem Kaffee nach Hause ein. Die einzigen Treffpunkte der Bevölkerung sind die – Gott sei Dank nicht wenigen – von den örtlichen Gemeinden veranstalteten traditionellen Festtage, die bereits seit sehr alten Zeiten bestehen. Sie finden meistens zeitgleich mit religiösen Feiertagen statt. Dabei werden regionale Speisen serviert, und vor allem Bier fließt in Strömen.
Damit der Ausdruck „regionale Speisen“ nicht missverstanden wird: Das kulinarische Erbe der Großmütter beschränkt sich an diesen Feiertagen, im Wesentlichen auf einige zu Hause hergestellte Kuchen und Torten. Ansonsten werden überwiegend industriell hergestellte Fleisch- und Kartoffelprodukte angeboten. An dieser Stelle sollte außerdem angemerkt werden, dass Unterhaltung in dieser Gesellschaft weitgehend als eine Tätigkeit wahrgenommen wird, deren Ausmaß in direktem Verhältnis zur konsumierten Alkoholmenge steht. Daher kann man wohl behaupten, dass die Österreicher mit ihren 11,5 Litern reinem Alkohol pro Kopf und Jahr das sechste glücklichste Volk überhaupt sein müssen!

Ich kann jedoch nicht umhin, die Musik- und Blaskapellen zu erwähnen, die ich sehr schätze und die heute zu den wichtigsten Gründen dafür gehören, dass diese Gesellschaft überhaupt noch gemeinsam etwas unternehmen kann. Von klein auf kommen die Bürger regelmäßig zusammen, erfüllen damit einerseits die Voraussetzungen gemeinschaftlichen Lebens und entwickeln andererseits ihre persönlichen Fähigkeiten weiter, indem sie Noten lesen und ein Instrument spielen lernen. Dieses System besteht seit Jahrhunderten und funktioniert bis heute vollständig nach dem Meister-Lehrling-Prinzip.
Natürlich gibt es auch die kirchlichen Zeremonien: Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen, religiöse Feiertage und so weiter. Meiner Auffassung nach nehmen viele Menschen daran weniger aufgrund ihres Glaubens teil als vielmehr deshalb, weil sich die gesellschaftlichen Tabus, die aus der formalistischen und pharisäerhaften Struktur des Katholizismus hervorgegangen sind – was im Islam und im Judentum keineswegs anders ist –, tief in ihr Selbst eingeprägt haben. Vor allem für manche scheinheilige Familien, die traditionell zur führenden Schicht gehören (und immer in den vorderen Reihen sitzen), sind kirchliche Zeremonien eine gesellschaftliche Aktivität, bei der sie ‚selbst dann nicht fehlen dürften, wenn ihre Hände voller Blut wären‘ (Türkisches Sprichwort).
Jedem, mit dem ich ins Gespräch komme und der mich wieder einmal fragt, ob ich Muslim sei, antworte ich: „Ich glaube, dass dem Universum eine absolute Kraft innewohnt; dem Glauben an einen Gott stehe ich jedoch fern.“ Anschließend begründe ich diese Auffassung kurz und stelle meinem Gegenüber unbedingt die Frage: „Und was hältst du von meiner Sichtweise?“
Raten Sie einmal, welche Antwort ich in etwa 3 von 4 der Fälle bekomme:
„Ja, eigentlich kann man auch von mir nicht behaupten, dass ich besonders stark an Gott oder an das Buch glaube, in dem die Worte stehen, von denen behauptet wird, Jesus habe sie gesagt. Auch ich sehe, dass das Universum einen größeren Einfluss auf uns hat als Jesus.“
Diese Beobachtungen sind das Ergebnis der fünf Jahre, die ich innerhalb dieser Gesellschaft gelebt habe. Wenn ich bewusst verallgemeinernd schreibe, dass die Menschen einander nicht einmal mehr zu einem Kaffee besuchen, ist mir selbstverständlich bewusst, dass diese Aussage (mehr oder weniger) übertrieben ist. Damit möchte ich ausdrücken, dass solche Begegnungen im Vergleich zu früher – insbesondere zur Zeit vor Corona – deutlich seltener geworden sind.
Nein, die Österreicher sind natürlich nicht allein!
– Mit diesem Satz wollte ich diesen Beitrag eigentlich beenden. Als ich ihn später noch einmal las, merkte ich jedoch, wie problematisch dieser Satz ist und wie wenig er eigentlich der Realität gerecht wird. Ich habe mir für diese Website vorgenommen, nichts zu beschönigen. Vielleicht sind manche Menschen allein, andere nicht. Ich bin kein Experte für Sozialpsychologie, sondern lediglich ein Beobachter. Aber ich habe das Gefühl, dass etwas nicht gut läuft – auch in unseren Familien.
Vielleicht beginnt die nächste Frage genau dort: Wo und wie lernen junge Menschen heute Rücksicht, Verantwortung und Mitgefühl?
Ob hier oder in meinem Land – ganz egal wo- möchte ich keine Gesellschaft sehen, die es hinnimmt, dass ein Freund oder auch ein völlig Fremder vor den Augen einer Gruppe Jugendlicher stolpert, stürzt und sich dabei verletzt – und diese daraufhin in schallendes Gelächter ausbrechen und ihn verspotten…