Ibn Sīnā – Der Mann, dem Medizin leicht und Aristoteles schwerfiel
Abū ʿAlī al-Ḥusayn ibn ʿAbdallāh ibn Sīnā · ca. 980–1037
Im lateinischen Europa hieß er Avicenna. Er war Arzt, Philosoph, Verwaltungsbeamter und zeitweise Wesir – vor allem aber ein Denker, der Medizin, Naturlehre, Psychologie und Metaphysik zu einem System verband.

Medizin war nicht das Schwierigste
In der von seinem Schüler al-Ǧūzǧānī überlieferten Autobiographie beschreibt Ibn Sīnā seine Ausbildung mit erstaunlicher Sicherheit. Über die Medizin schreibt er knapp:
وعلم الطب ليس من العلوم الصعبة
„Die Medizin gehört nicht zu den schwierigen Wissenschaften.“
Aristoteles’ Metaphysik bereitete ihm dagegen Mühe. Ibn Sīnā berichtet, er habe sie vierzigmal gelesen, ohne ihren Zweck zu verstehen. Erst eine kurze Schrift al-Fārābīs habe den Knoten gelöst. Die Anekdote zeigt nicht bloß ein Wunderkind, sondern einen Leser, der Auswendiglernen und wirkliches Verstehen streng voneinander unterschied.

Wunde, Schwellung, Schmerz
Die drei roten Überschriften gliedern eine vormoderne medizinische Erklärung. Ihre Begriffe folgen der damaligen Lehre von Körperzuständen und „Säften“; sie entsprechen nicht modernen Diagnosen.
17. Wunden und Geschwüre
Verletzungen werden auf innere Ursachen oder äußere Einwirkungen zurückgeführt: etwa Schnitt, Stich, Biss, giftige Stoffe sowie chemische oder körperliche Reizung. Gemeint ist jeweils eine Störung der Unversehrtheit des Gewebes.
18. Schwellung
Schwellung erklärt der Text vor allem durch die Ansammlung von Körpersäften oder dadurch, dass ein Organ sie nicht mehr aufnehmen kann. Genannt werden drüsenreiche Bereiche wie Achsel, Hals und hinter dem Ohr sowie geschwächte Organe.
19. Schmerz
Schmerz entsteht, wenn ein Organ seinen gewöhnlichen Zustand plötzlich verliert: entweder durch eine Veränderung seines Zustands – etwa zu viel Hitze oder Kälte – oder durch eine Verletzung des Zusammenhangs, etwa Riss, Verstauchung, Wunde oder Druck.
Was Medizin leisten soll
Am Beginn des Kanon der Medizin definiert Ibn Sīnā das Fach nicht über einzelne Krankheiten, sondern über ein Ziel: Gesundheit bewahren und verlorene Gesundheit wiederherstellen.
إن الطب علم يتعرف منه أحوال بدن الإنسان … ليحفظ الصحة حاصلة ويستردها زائلة
ut habita sanitas conservetur et amissa recuperetur
„Medizin ist eine Wissenschaft, durch die die Zustände des menschlichen Körpers erkannt werden – damit vorhandene Gesundheit bewahrt und verlorene Gesundheit wiedergewonnen wird.“
Im zweiten Buch nennt Ibn Sīnā Bedingungen für die Prüfung von Arzneien: Krankheit, Dosis, Zeitpunkt und mögliche Nebenwirkungen müssen auseinandergehalten werden. Das ist keine klinische Studie im heutigen Sinn. Es ist aber der Versuch, eine zufällige Wirkung von einer methodisch wiederholbaren Beobachtung zu unterscheiden.
Der schwebende Mensch
Ibn Sīnās bekanntestes Gedankenexperiment steht im Kitāb al-Šifāʾ. Man soll sich einen Menschen vorstellen, der plötzlich vollständig erschaffen wird, frei in der Luft schwebt und keinerlei Sinneseindruck empfängt. Würde er dennoch wissen, dass er existiert? Ibn Sīnās Antwort lautet: ja.
ثم يتأمل أنه هل يثبت وجود ذاته
„Dann soll er überlegen, ob er das Dasein seines Selbst bejaht.“
Das Experiment soll zeigen: Das Bewusstsein des eigenen Selbst ist nicht einfach dasselbe wie die Wahrnehmung des Körpers. Die Nähe zu Descartes ist auffällig; ein direkter Einfluss auf ihn ist damit jedoch nicht bewiesen.
Von Buchara über Latein nach Istanbul
Seit dem 12. Jahrhundert zirkulierten lateinische Übersetzungen seiner Werke in Europa. Im Osmanischen Reich las man Ibn Sīnā ebenfalls nicht nur als Arzt: Seine Begriffe lebten in Theologie, Logik und den Tehāfüt-Debatten weiter.
Ein greifbares Zeugnis ist Tokadî Mustafa Efendis Tahbîzü’l-Mathûn: die vollständige osmanisch-türkische Übersetzung des Kanon, entstanden 1180/1766–67 auf Anordnung Sultan Mustafas III. Tokadî verglich arabische Handschriften, Kommentare und die 1593 in Rom gedruckte Ausgabe. Das Ergebnis war daher zugleich Übersetzung, Kommentar und Textkritik.
Quellenkritischer Hinweis: Ein belastbarer Aktennachweis aus dem öffentlich zugänglichen Katalog des Osmanischen Staatsarchivs ließ sich nicht verifizieren. Deshalb werden keine erfundenen BOA-Signaturen angegeben; herangezogen werden katalogisierte Handschriften der Süleymaniye-Bibliothek, darunter Hamidiye 1015 und Râgıb Paşa 1335.
Ibn Sīnā blieb über Jahrhunderte gegenwärtig, weil er nicht nur Antworten gab. Er schuf eine Sprache, mit der Ärzte, Philosophen und Theologen ihre Fragen überhaupt erst präzise formulieren konnten.
Quellen und Ausgaben
- Ibn Sīnā, The Life of Ibn Sina, arabischer Text, Übersetzung und Kommentar von William E. Gohlman, SUNY Press, 1974.
- al-Qānūn fī al-ṭibb, arabische Handschrift von 1597: Library of Congress / Yale University Library.
- Canon medicinae, lateinische Ausgabe, Venedig 1507: Österreichische Nationalbibliothek.
- Dimitri Gutas, Avicenna and the Aristotelian Tradition, 2. Aufl., Brill, 2014; Jon McGinnis, Avicenna, Oxford University Press, 2010.
- Tokadî Mustafa Efendi, Tahbîzü’l-Mathûn, bearb. Mustafa Koç und Eyyüp Tanrıverdi, Türkiye Yazma Eserler Kurumu, 2018: offizielle Editionsbeschreibung.
- TDV: „İbn Sînâ“; „el-Kānûn fi’t-Tıb“.
Die Übersetzungen der arabischen und lateinischen Stellen folgen den genannten Ausgaben.